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Fenstergeschichten

Als Teenager hielt ich mich fit und rannte durch die Straßen meiner ruhigen Vorstadt. Im Gegensatz zu meinen Flügen durch die Stadt musste ich nie über die Schulter schauen, um sicherzustellen, dass ein Auto- oder Fahrradbote nicht in mich hineinrammte. Alle halbe Stunde fuhr ein Auto vorbei. Es gibt nichts Schöneres, als in einer solchen Stille zu rennen, wenn man nur das Klatschen der Füße auf dem Asphalt und den Chor der Grillen von Ende August hören konnte, die aus den gepflegten Rasenflächen aufsteigen. IPods gab es damals noch nicht, aber es einen gegeben hätten, hätte ich ihn benutzt und wäre eines geschätzten Gedächtnisses beraubt worden.

Laufen kann langweilig sein, besonders für einen Teenager mit einem hyperaktiven Verstand, der von aufgeladenen Hormonen angetrieben wird. Ich hatte mich amüsiert, als ich darüber nachgedacht hatte, was hinter allen Fenstern los war, wenn das Licht an war. Das Erkerfenster des Wohnzimmers, wenn ich bei meinem Nachbarn vorbeiging, leuchtete gelb durch die Vorhänge. Ich fragte mich, ob dies die Nacht war, in der sie in gedämpften Tönen über Scheidung sprachen. Sie war eine schreckliche Nörglerin und er sah immer unglücklich aus. Einen Block später könnte ich das Schlafzimmerlicht durch das Fenster in dem Haus scheinen sehen, in dem das süße Mädchen lebte, in das ich sehr verknallt war. Ich war damals unschuldig, also stellte ich mir vor, wie sie in ihr Tagebuch schrieb und ungeduldig darauf wartete, dass ich nach ihr fragte. Eines späten Abends erhaschte ich einen Blick auf ihre Silhouette, die aus ihrem Fenster schaute, als ich vorbeirannte. Ich streckte die Brust aus und rannte etwas schneller.

Jetzt unterhalte ich mich genauso, wenn ich an städtischen Wohnungen und Eigentumswohnungen vorbeirenne. Der Unterschied liegt diesmal in der Dichte der Fenster. So viele weitere Szenarien zum Träumen. Die Vororte verbergen Geheimnisse, aber die Stadt vibriert mit ihnen.

Es gibt einen Weg, den ich gerne laufe, der mich irgendwann über eine Brücke und dann über eine andere Brücke führt, wo ich an vielen stattlichen Wohngebäuden vorbeikomme, deren zufällig verteilte Fensterlichter im Zwielicht wie Katzenaugen flackern und die Geschichten von anonymen Leben umrahmen. Ich skizziere gedanklich Vignetten. Hier streiten sich ein Paar über Küchenutensilien … da ist ein Mann, der mit seinem Hund auf dem Schoß ausdruckslos fernsieht… und drei Stockwerke höher ist ein Mädchen, das ihren ersten Job in zwei Tagen antritt, nur um den Fleck auf ihrem neuen Rock zu bemerken, in dem sie sich ausbilden lässt vor dem Spiegel.

Die Straße hinunter tauchen weitere schimmernde Fenster auf. In einem von ihnen, vielleicht dem rechts mit dem alten silbernen Kühlschrank, auf den ich durchschauen kann, wird eine Ex langsam auf ihr Bett gesenkt, unbekannte Hände ziehen ihr Hemd hoch, ein Hauch von Haut, gefolgt von einem Stöhnen. Sie senkt den Hals und zieht ein Bein hoch. Ihre Nagellackfarbe hat sich nicht geändert. Für eine Sekunde wünschte ich, das Licht würde ausgehen. Noch ein Fenster und vielleicht sehe ich mein Silhouette-Mädchen.

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